Dschinni im Hawaihemd

Auf einem steinigen Plateau steht ein Pavillon aus Glas. Das Plateau ist umgeben vom blauen Meer, das sanft in tausenden von Wellen gegen die Klippe schwappt.

Die Glasschiebetüren des Pavillons sind geöffnet, weiße Gardinen aus leichtem Stoff umhüllen ihn und spenden Schatten.

Ich sitze auf einem Bastsessel und bin bereit meinen inneren Antreiber in einer geführten Meditation zu begegnen. 

Der Raum des Pavillons zeigt sich als ein Abbild auf feinstofflicher Ebene noch ein mal und ist jetzt der Schauplatz des Zusammentreffens. 

Jetzt sitze ich auf einem hohen Steinthron. Ich bin in ein weinrotes Tuch gehüllt, meine rechte Schulter und mein rechter Arm sind nicht bedeckt. 

Wartend schaue ich auf eine Tür aus dunkelbraunen massiven Holz. Die Tür ist so hoch, wie der Raum und scheint bis zum Himmel zu reichen. 

Mit kräftiger Stimmer bitte ich meinen inneren Antreiber den Raum zu betreten.

Langsam öffnet sich die knartschende linke Hälfte der Flügeltür. 

Ich sehe das Spiegelbild meines Gastes auf dem hellgrauen Marmorboden. 

Er tritt herein. Ein dicker Mann mit breiten Schultern. Sein Kopf ist mit einer Ledermütze bedeckt, nur zwei Löcher für die Augen. Sein langes weißes Hemd wird durch einen breiten schwarzen Ledergürtel an seinem dicken Bauch zusammengehalten. In seiner linken Hand trägt er eine Axt und eine lange Peitsche. Ein Henker.

Ich bin erschrocken und fürchte mich ein wenig vor diesem Wesen.

Trotzdem bedanke ich mich bei ihm für sein Kommen. 

Vorsichtig erhebe ich mich von meinem Thron, steige drei große Steinstufen herab und gehe barfuß auf dem kalten Boden auf ihn zu. 

„Danke, dass du mir so lange gedient hast. Du hast meinem Befehl bis jetzt ohne Wiederworte ausgeführt, hast mich immer wieder angetrieben, mir gesagt, dass ich noch nicht gut genug bin, besser werden muss, dass ich „es“ schaffen muss. Genau so, wie ich es dir vor so vielen Jahren als Kind befohlen hab. Um zu überleben.

Vielen tausend Dank dafür. Du hast deinen Job einfach exzellent ausgeführt. Du hast meine außerordentliche Hochachtung für diesen Liebesdienst!

Doch jetzt frage ich dich: Was ist dein Wunsch?“

Der Henker, sagt mir, dass er sich wünscht frei zu sein. 

Ja, es jetzt der Zeitpunkt gekommen, meinen inneren Antreiber, meinen Henker, derjenige in mir, der mir jeden Tag gesagt hat, dass ich nicht schlau genug, hübsch genug, liebevoll genug, ordentlich genug, erfolgreich genug, unvollständig und getrennt von der Liebe bin, in die Freiheit zu entlassen.

Er zeigt mir seine muskulösen und behaarten Unterarme und ich erkenne goldene Handschellen. Ich hole einen kleinen goldenen vielzackigen Schlüssel aus meiner rechten Tasche und schließe die Handschellen auf.

Wie ein Zauber dreht sich eine Windrose aus silbernen Lichtstrahlen um den Henker.

Als sich der Trichter wieder ebnet sehe ich ihn: 

Er hat die Form eines blauen Dschinnis, trägt ein buntes Hawaihemd und lacht. Ein kurzer Moment, in dem wir uns voller Dankbarkeit in die Augen sehen und schon fliegt er blitzschnell aus dem Pavillon über das Meer. Lange blicke ich ihm hinterher und freue mich über das Strandhaus, dass er sich für den Rest seines Lebens ausgesucht hat. 

Und mit ein paar tiefen Atemzügen komme ich in meinem Tempo ins Hier und Jetzt zurück :).

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