Schwarze Höhle, schwarzer Wolf

Es ist dunkel. Kein Lichtstrahl erhellt den Raum. Sanftmütige, beschützende Schritte auf feuchten Boden. Ab und zu ein knirschendes Geräusch.

Ich blicke auf eine kleine Puppe die auf dem Boden liegt. Sie hat die Form eines Säuglings und besteht nur aus milchigem Glas. Kein Atmen, keine Bewegung, kein Leben ist erkennbar.

Die Puppe ist ein Seelenanteil, der durch ein Trauma, ein Verlust abgespalten wurde und nicht in das Leben integriert ist. Trotzdem ist der Anteil an die Seele gekoppelt, die gerade auf der Welt inkarniert ist. 

Sie wird beschützt. Beschützt durch ein mächtiges Wesen. Er ist riesig und ab und zu blitzen seine gelbgrünen Augen scharf auf. Ich kann seine Umrisse erkennen. Eine kräftige Statur, breite Schultern, lange Schnauze, scharfe weiße Zähne, spitze aufgestellte Ohren, schwarzes, dickes, weiches Fell.

Er schleicht langsam am Eingang der Höhle auf seinen zwei kräftigen Pfoten auf und ab. 

Stolz erfüllt ihn. Er ist der Beschützer dieser Puppe und Begleiter dieser Seele. 

Und jetzt ist die Seele bereit zu erkennen. Sie besucht ihn in der Höhle, findet die Puppe. Endlich begreift sie, dass er zu ihrem Schutz da ist. Dankbarkeit überkommt sie und Erleichterung füllt sein großes Herz. Endlich kann die gemeinsame Reise, das Leben beginnen. 

Langsam öffnet der schwarze Werwolf das Tor der Höhle, indem er eine riesige kalte Steinkugel zur Seite  schiebt. 

Warme Sonnenstrahlen fallen auf sein Gesicht, er schließt die Augen und zieht andächtig die klare, nährende Luft in seine Lungen. 

Die besuchende Seele bedeckt die kleine Stirn der gläsernen Puppe mit einem liebevollen Kuss. Vorsichtig hebt sie sie mit ihren zarten Händen von dem kalten grauen Steinboden und schenkt ihr einen Platz in ihrem rosarotem Herzraum. Dort wird der Säugling in eine rote kuschelige Decke eingehüllt, geliebt und gewärmt. Ein großer Schritt ist getan. 

Der Höhleneingang bietet eine wundervolle Aussicht auf eine unbekannte, bekannte Welt. Schwebende Inseln, Wasserfälle, Tiere, die in Gruppen wandern. Einklang, Harmonie und Liebe – der Ursprung. 

Der Werwolf steht am Eingang, dankbar und bewusst über seine Aufgabe die Seele zu begleiten. Vorfreude steigt in ihm auf. Er blickt in das Höhleninnere. Dort steht die Seele, verzaubert von der Welt, die sich ihr öffnet.

Sie wird weiter gehen. Schritt für Schritt. Irgendwann wird sie gestärkt, voller Weisheit und Liebe in diese Welt eintreten. Sie kann schon den Geruch der Freiheit und Einheit riechen, die Sonnenstrahlen der Liebe auf ihrer Haut spüren. 

Alles zu seiner Zeit.

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