Trommeln

Meine Augen schließen sich. Ich bin aufgeregt, habe Angst. Das erste Mal lasse ich mich auf ihn ein. 

Er ist immer da. Bis jetzt hat er sich aus Rücksicht versucht versteckt zu halten, hinter Gardinen, unter Betten, im Schatten. Doch er hat die Aufgabe mich zu begleiten und deshalb ist er immer in meine Nähe geblieben, mir auf Schritt und Tritt gefolgt. 

Immer habe ich seine Anwesenheit gespürt, doch meine Konditionierung hat Panik vor ihm erzeugt. Er hat geduldig meine Abneigung gegen ihn ertragen, sich im Hintergrund gehalten – immer vertrauend, dass der Tag kommen wird, dass ich begreifen und erkennen werde.

Jetzt ist der Moment gekommen. Ich sitze auf einem Stuhl aus dunklem, kirschrotem Holz. Eine wunderbare weibliche Seele wird mich jetzt zu ihm führen und mich auf diesem Weg der Begegnung begleiten. 

Er hat bemerkt, dass jetzt der Zeitpunkt des ersten Treffens gekommen ist. Ungläubig hat er das Versteck hinter der Gardine mit den roten und gelben Längsstreifen verlassen und sich zu meiner Linken gestellt.

Kräftige rhythmische indianische Musik ertönt. Meeresrauschen und Delfingesang begleiten die Trommeln.

Der Werwolf atmet tief und sanft. Seine Brust hebt und senkt sich langsam. Der Kopf mit den spitzen Ohren hat er leicht in den Nacken gelegt. Die starken Arme mit den langfingrigen Händen hängen entspannt neben seinem Körper. 

Ich hebe vorsichtig meinen Blick, neige meinen Kopf zu meiner linken Seite. Langsam schaue ich an seinem muskulösem Körper hoch, eine Gänsehaut überzieht meinen Rücken, als ich sein schwarzes Fell sehe. 

Er richtet seinen Kopf auf, er hat meine Aufmerksamkeit bemerkt. 

Zum ersten Mal treffen sich unsere Blicke. Seine gelbgrünen Augen mit den elliptischen schwarzen Pupillen ziehen mich in ihren Bann. Zarte Bänder aus gelbweißen Licht verbinden unsere Augen.  

Ich bin überrascht: So sicher war ich mir, dass er mich angreifen würde, sobald ich in anschaue. Doch jetzt steht er neben mir und schaut mich an. Ganz ruhig.

Die Musik wird rhythmischer, die Trommeln lauter. Dankbar nickt er mir zu, atmet tief ein und jault aus vollem Hals, den Kopf tief in den Nacken gelegt. Seine Hände sind zu Fäusten geballt. An seinem Hals treten pulsierende Adern hervor. 

Alle Angst ist verflogen ich spüre Freiheit und Erleichterung, ich lache ein Lachen der Freude. 

Mit einem Satz drückt sich der Werwolf mit seinen riesigen Pfoten ab und springt. Er rennt wie verrückt an den Wänden entlang, stößt immer wieder ein lautes vibrierendes Jaulen aus bis er schließlich neben mir zu dem Rhythmus der Musik tanzt und jault. 

Ich bin so überrascht, damit habe ich nicht gerechnet. Es war so leicht :). 

Er ist zu seinem Leben und zu seiner Aufgabe erwacht. Bedächtig stellt er sich hinter mich, legt seine Pranken auf meine Schultern und legt seinen Kopf in meinen. Ich kann jetzt mit seinen Augen sehen, seine Kraft spüren. Ich schaue an mir herunter und bemerke, dass meine Arme mit schwarzen Fell umhüllt sind. Rechts und links an meinem Kopf kann ich die spitzen Ohren fühlen. 

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